Kurs 6: »Wenn ich Deiner vergesse, Jerusalem!«

Die »Heilige Stadt« als Erinnerungsraum

Die Heilige Stadt Jerusalem - Faszinosum für Generationen (eigene Abbildung)

Die Heilige Stadt Jerusalem – Faszinosum für Generationen (eigene Abbildung)

»An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.« (Ps 137) In einem der bekanntesten biblischen Psalmen wird die jüdische Sehnsucht nach einer Rückkehr in die Heimat, nach Zion – Jerusalem –, eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht. In eben jener Stadt soll später Jesus, der Messias des Christentums, gekreuzigt und begraben worden sein. Nach weiteren sechs Jahrhunderten steigt nach islamischer Tradition vom selben Ort, auf dem einst das jüdische Heiligtum des Zentraltempels stand, Mohammed, der Religionsstifter des Islam, zu Gott in den Himmel auf.

Der Kurs wird sich aus religionswissenschaftlicher und kunsthistorischer Sicht mit der Stadt Jerusalem auseinandersetzen, in der die drei Weltreligionen aufeinandertreffen. Welche identitätsstiftende Kraft übt die Stadt für die Religionsgemeinschaften aus? Welche Ansprüche werden von religiösen Gruppen/Gemeinschaften an bestimmte Teile der Stadt gestellt und wie werden diese Ansprüche aus religiöser Sicht legitimiert? Welchen Stellenwert nimmt die Stadt in der kollektiven und der persönlichen Erinnerung ein, wie funktioniert die Stadt als »Erinnerungsraum«? Ziel soll es sein, das Faszinosum Jerusalem zu beschreiben und die Frage zu beantworten, warum die Stadt seit Jahrtausenden bei Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen tiefste Emotionen auslöst.

Im Verlauf des Kurses wird versucht, eine (Sakral )Topographie der Stadt und ihrer Heiligtümer wie der Westmauer, der Grabeskirche und dem Felsendom nachzuzeichnen. Im Zentrum der fächerübergreifenden Kursarbeit steht die Auseinandersetzung mit Texten und Bildern in Referaten und Gruppenprojekten.

Der religionswissenschaftliche Teil wird von frühen Zeugnissen der Stadt ausgehen und dabei unter anderem alttestamentliche Erwähnungen der Stadt genauer untersuchen. Um die Prozesse und Spannungen zu verstehen, die in und um die Stadt herum geschehen sind und bis heute anhalten, müssen darüber hinaus die historischen Verhältnisse in den Blick genommen werden und theologische Grundfragen der involvierten Religionen berücksichtigt werden. Abschließend wird der Versuch unternommen, einen Einblick in die aktuellen Diskussionen zur Zukunft der Stadt zu geben.

Im Fokus des kunsthistorischen Teils steht die Stadttopographie und die Bau- und Nutzungsgeschichte der Heiligtümer als »gebaute Erinnerung«. Schlüsselwerke wie die Grabeskirche oder der Felsendom ermöglichen eine Einführung in die jüdische, christliche und islamische Architekturgeschichte, welche sich in den baulichen Schichten der Stadt Jerusalem stetig überlagern. Individuelle Erfahrungen der Sakraltopographie in Pilgerberichten und Stadtdarstellungen in den Bildkünsten und der Kartographie machen deutlich, wie sich das »Jerusalem-Bild« im Verlauf der Jahrhunderte wandelte. Schließlich werden Mechanismen der Inanspruchnahme der Stadt durch Kunst und Architektur analysiert.

Teilnahmevoraussetzungen:
Spaß an historischen Fragestellungen und die Bereitschaft, teilweise auch mit englischsprachiger Literatur zu arbeiten, sind Teilnahmevoraussetzungen.

Jan Thorben Wilkens, Isabella Augart

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