Kurs 5: Ein Raum – zwei Welten?

Fiktionale Darstellung einer elisabethanischen Bühne (Quelle: Wikimedia Commons, 22.05.2019)

„Totus mundus agit histrionem“

Diese Inschrift war zu Shakespeares Zeiten dem Londoner Globe Theatre, seiner Heimatbühne, als namensgebendes Motto eingraviert. In As you like it (Wie es euch gefällt, 1599), übersetzt er das auf den spätantiken Schriftsteller Petronius (Satyricon) zurückgehende Zitat frei ins Englische: „All the world’s a stage, / And all the men and women merely players.“

Ich möchte Euch in diesem Sinne herzlich zur Schülerakademie begrüßen. Mein Name ist Max und ich freue mich sehr darauf, gemeinsam mit Euch das eigentlichste Element des Theaters, die Bühne, wissenschaftlich zu beleuchten. Das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe: Allen darstellenden Künsten mag gemein sein, dass das, was sie dem Publikum als Werk präsentieren, sehr flüchtig und in seinem Kern schwer zu fassen ist. Jede Performance, jede Aufführung ist untrennbar mit dem flüchtigen Zeitraum, dem Ort und den übrigen konkreten Bedingungen ihres Sich-Ereignens verbunden. Ob eine Popband auf einem Musikfestival von der Hauptbühne oder einer kleinen Nebenbühne spielt, macht einen genauso großen, deutlich spürbaren Unterschied, wie ob Shakespeares Julius Caesar 1599 im Globe eine Theaterära einleitete oder 1937 von Orson Welles als antifaschistisches Lehrstück inszeniert wird.

Wer agiert, spielt, handelt eigentlich auf der Bühne? Ist es der Schauspieler, ein gewöhnlicher Mensch mit mehr oder weniger bürgerlichem Lebenswandel, oder ist es der Charakter, die Rolle, die den Körper des Schauspielers nutzt, um die poetischen Ab- und Ansichten des Dichters und des Regisseurs zu artikulieren?

Was ist überhaupt eine Bühne, wie kann sie aussehen und wie fühlt sie sich an? Welche Rolle spielt das Publikum dabei?

Die Beantwortung dieser Fragen gleicht einer Gratwanderung: Weder dürfen wir uns auf der einen Seite in wissenschaftlich unpräzisem Gerede verlieren, noch auf der anderen Seite dem Gegenstand unseres Interesses ein theoretisches Korsett überstülpen, das seiner phänomenalen Grundlage („wie er uns unmittelbar erscheint“) nicht gerecht wird.

Aus diesem Grund werden wir das Kursprogramm inhaltlich mit einem Exkurs zum wissenschaftlichen Arbeiten ergänzen. Die folgenden Kurstage werden jeweils einen ersten Teil beinhalten, in dem wir die zu untersuchenden Phänomene in eigener Anschauung erfahren, sowie einen Reflexionsteil, in dem wir das erlangte Wissen theoretisch beleuchten, intellektuell ordnen und gemeinsam reflektieren.

 

Kursanforderungen und Material

Wir werden Shakespeares dramatisches und lyrisches Werk als Textgrundlage unserer Auseinandersetzung mit den Gegenständen einer Ästhetik des Performativen nutzen. Um eine kleine gemeinsame Basis herzustellen, möchte ich jede*n von Euch bitten, Folgendes vor Beginn der Akademie zu erledigen:

  • Auseinandersetzung mit Shakespeares Römischer Trilogie, bestehend aus Coriolan, Julius Caesar sowie Antonius und Cleopatra. Die Art und Weise der Beschäftigung mit den Dramen stelle ich frei und stehe Euch auch im Vorfeld für Fragen und Anregungen zur Verfügung.
  • Ein selbst gewähltes, auswendig vorzutragendes Sonett von Shakespeare, auf Deutsch oder Englisch, mit oder ohne musikalische Begleitung.

Text- und Videodokumente sind online frei verfügbar.

Steht euch Zugang zu akademischer Literatur und ein wenig Zeit zur Verfügung, kann ich sehr die (auch auszugsweise) Lektüre des mittlerweile zum Standardwerk gewordenen Buches der Berliner Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte, Ästhetik des Performativen (2004) empfehlen.

Ein weiterer Punkt ist die Vorbereitung unserer Anschauungspraxis: Obwohl der primäre Fokus des Kurses auf dem Intellektuell-Akademischen zu liegen kommen soll, kann und möchte ich die szenische Arbeit nicht völlig an den Rand gedrängt wissen. Wir werden Bühnen improvisieren und auch Requisite und Kostüm einbeziehen. Deshalb: Falls Ihr zuhause Kleidungsstücke oder Gegenstände habt, die nicht schwer zu transportieren sind, die Ihr aber aus irgendeinem Grund besonders mögt, möchte ich Euch ermutigen, sie zum Kurs mitzubringen.

Im Laufe des Kurses werden wir eine schriftliche Dokumentation unserer wissenschaftlichen Arbeit anfertigen. Dafür hat es sich, das weiß ich noch aus meiner Zeit als Akademieteilnehmer, als ratsam erwiesen, falls vorhanden einen eigenen Laptop mitzubringen.

Ich werde Euch im Laufe der nächsten Wochen noch weitere Vorbereitungsmails schicken, bei Fragen dürft Ihr Euch wie bereits erwähnt gerne an mich wenden.

Darstellung einer öffentlichen Vorstellung des klassischen italienischen Volkstheaters, der Commedia dell’arte (Quelle: Wikimedia Commons, 22.05.2019)

 

 

Poesie-Ecke

Anbei noch ein Sonett, gerne auch lernen, ich habe gelesen, Kurs 1 möchte uns Geschenke machen 😉

Now I defy a tenet gallantly
Of circle canon law: these integers
Importing circles‘ quotients are, we see,
Unwieldy long series of cockle burs

Put all together, get no clarity;
Mnemonics shan’t describeth so reformed
Creating, with a grammercy plainly,
A sonnet liberated yet conformed.

Strangely, the queer’st rules I manipulate
Being followed, do facilitate
Whimsical musings from geometric bard.

This poesy, unabashed as it’s distressed,
Evolved coherent – a simple test,
Discov’ring poetry no numerals jarred.
 

 

 

 

 

 

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